
STADT_WERK_STATT
Einst als reiner Standort für die Industrieproduktion konzipiert, stand das Unternehmen Bosch am Standort Reutlingen durch den technologischen Strukturwandel vor einer Herausforderung: Anstelle der Mitarbeitenden war es inzwischen die Künstliche Intelligenz, die die Produktion steuerte. Um die Mitarbeitenden ebenso wie das mit ihnen verbundene Produktionswissen zu halten, sollte in Zukunft die Entwicklungsarbeit neuen Raum einnehmen.
Im Rahmen einer Planungswerkstatt wurde ein zukunftsfähiger Entwurf konzipiert, der auf die technologischen und kulturellen Veränderungen reagiert und das Werk vom klassischen Produktions- zu einem vernetzten Wissensstandort weiterentwickelt. Das Ziel des Projekts war, ein zukunftsfähiges Stück Stadt zu entwickeln, das auf engem Raum Produktion, Forschung und Entwicklung, Gewerbe, Wohnen, Bildung, Freizeit und Landschaft vereint und zu einem natürlichen Miteinander im Alltag verwebt. In der Analogie eines neuronalen Netzwerkes wurden die vielfältigen Anforderungen geordnet und in einen zusammenhängenden Prozess gestellt.
Entstanden ist ein Stadtquartier mit Schwerpunkt Industrie und Entwicklung, das auf gesamtstädtischer Ebene Verbindungen aufnimmt, isolierte Lagen vernetzt und dadurch Menschen, Nutzungen und Ideen zusammenbringt.

In mehreren Werkstattrunden wurden die unterschiedlichen Perspektiven und Interessen der Beteiligten und Stakeholder eingebracht. Über Werkräume wurden Fachthemen sowie die Beiträge der beteiligten Büros vermittelt und durch ein Begleitgremium aus VertreterInnen des Gemeinderats, der Robert Bosch GmbH sowie der Verwaltung diskutiert. Aus dem anfänglichen Wunsch der Neuordnung des Verkehrs ergaben sich Fragen zur Veränderung der Produktionsweise und Werkskonzepte, ergänzende Funktionen wie Wohnen, Bildung und Kultur. Und schließlich die Frage nach der Vernetzung der Stadt.
Erreichbarkeit, Orientierung, Identität und Austausch sind im anstehenden Transformationsprozess von entscheidender Bedeutung. Um dies zu gewährleisten greift das Konzept auf grundlegende Handlungsebenen zurück, die einerseits strukturierend wirken und andererseits durch ihre Robustheit genügend Offenheit zur Anpassung aufweisen. Entscheidender Ausgangspunkt hierzu bildet ein an den Entwicklungsschritten 2025, 2030 und bis 2035 abgestimmtes Mobilitäts- und Parkierungskonzept.


Räumlich wurden die verschiedenen Nutzungen in einem engmaschigen Netz aus vier Schlüsselräumen miteinander verschränkt. Diese Wegräume – Echazweg, Tübinger Straße, Bantlinstraße und Bosch Lane – binden Stadt und Werk zusammen und sichern Zugänglichkeit und Orientierung.
Insbesondere an den Ein- und Übergängen zu den unterschiedlichen Bereichen werden als prägnante Orte Sonderbausteine ausgebildet. Diese bilden neue Adressen aus, aktiveren den Stadtraum und fördern Begegnung, Austausch und Kommunikation.






Entlang der Wegräume bilden sich aus dem jeweils spezifischen Kontext unterschiedliche Sequenzen aus. Angelagert an die Sequenzen entstehen neue Nachbarschaften, die jeweils mit eigenständigen Funktionen und Charakteren belegt sind. Eine zentrale Rolle bei der Verknüpfung und Transformation von Stadt und Werk kommt der konsequenten Nutzungsmischung zu. Sie ist die Voraussetzung für Austausch und Innovation, sowohl auf räumlicher als auch inhaltlicher Ebene.
Auf Grundlage der Sequenzen entwickelt das Konzept passgenaue Nachbarschaften. Diese vermitteln zwischen den unterschiedlichen Maßstäben und bilden die Keimzellen einer neuen, multifunktionalen, sozial und ökologisch integrierten Stadtentwicklung.
Der Landschaftsraum Echaz als zentraler Schlüsselraum zwischen verschiedenen städtischen Abschnitten reagiert auf die Entwicklungen des Klimawandels und der ökologischen Verarmung. Entlang des Flusses gliedern sich verschiedene Maßnahmen. An ausgewählten Bereichen soll die Echaz renaturiert und erlebbar gestaltet werden, wodurch eine hohe Freiraumqualität unter Berücksichtigung naturfachlicher Belange entsteht. Zwischen der Bantlinstraße und der Echaz fächert sich eine Potenzialfläche auf, als Schnittstelle zwischen städtischem Raum, Natur und urbaner Produktion. Ein großzügiger Grünraum mit Spiel-, Sport- und Erholungsflächen eröffnet Angebote verschiedener Freiraumaktivitäten. Gleichermaßen einladend für die Wohnbebauung sowie das Bosch-Areal.


Projektinformation
Name: STADT_WERK_STATT – Ideenwerkstatt Neuer Stadtraum Bantlinstraße
Art: Kooperatives Werkstattverfahren
Ort: Reutlingen
Jahr: 2020
Kooperation: Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg, StetePlanung I INOVAPLAN GmbH
Team: Henriette Commichau, Alice Fleury, Philipp Maué, Jana Melber, Christiana Weiß
Visualisierung: asp Architekten GmbH


