
Vom Braunkohlegebiet zum zirkulären Innovationszentrum
Der von der Bundesregierung beschlossene Kohleausstieg bis 2030 stellt das Rheinische Revier vor eine große Herausforderung und ein ebenso großes Potenzial: Einst von Tagebau geprägt, soll das frühere Braunkohlegebiet zukünftig für ein hohes Maß an Lebensqualität sowie Innovation stehen und die Grundlagen bilden für einen nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsraum. In unmittelbarer Nähe zu den Großstädten Köln, Düsseldorf und Aachen gelegen, sucht die Region nun vor dem Hintergrund des Strukturwandels nach einer neuen Identität. Mittendrin: die Stadt Eschweiler.
Dort soll auf dem rund 11.000 Quadratmeter großen Areal eines früheren Schlachthofes in den nächsten Jahren ein Innovations- und Gewerbezentrum entstehen. Ein ressourcen- und klimagerechtes Zentrum für den Technologie- und Innovationstransfer in der Region mit Raum für neue Geschäftsmodelle und Kollaborationen. Dabei soll nicht nur die zukünftige Nutzung im Bereich der Wissenschaft und Forschung für Innovation stehen. Der Ort selbst soll Innovation verkörpern und diesen Gedanken deshalb auch baulich abbilden. Das Projekt hat das Regionalsiegel der Zukunftsagentur Rheinisches Revier erhalten und wird vom Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen gefördert.


Ein lebendiges Quartier entsteht
Der frühere Schlachthof befindet sich zentral und nur unweit vom Rathaus in der Innenstadt von Eschweiler. Er besteht aus Baukörpern, die zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Stil entstanden sind. Bereits im Wettbewerb haben wir mit unserem Entwurf das Ziel formuliert, zumindest einen Teil dieses Ensembles zu erhalten und die bislang unzusammenhängenden Ensembleteile in einem Quartier zu fassen. Anstelle eines großen, geschlossenen Komplexes, soll ein lebendiges Quartier mit öffentlichem Charakter entstehen. Es bietet Treffpunkte und räumliche Nähe als Keimzelle von Innovation, verwoben in eine ökologisch wertvolle Umgebung. Mit einer modularen Struktur reagiert der Entwurf flexibel auf sich verändernde Bedarfe. Dabei bilden wiederverwendete Materialien im Sinne des zirkulären Bauens ein Bindeglied zwischen Historie und Zukunft.
Das Areal gliedert sich in zwei Werkhöfe: den westlichen, zur Stadt gewandten Werkhof, und den östlichen Werkhof, der den Übergang zum Festplatz bildet. Von der Innenstadt kommend bildet der westliche Werkhof mit Gründerzentrum und vorgelagertem Ankommensplatz und Co-Working-Zentrum das neue Gesicht zur Stadt. Daran schließt sich ein Mobility Hub mit Energiezentrale an. Im östlichen Werkhof befinden sich Werkhallen, auf denen sich nach dem Prinzip des gestapelten Gewerbes weitere Werkgeschosse befinden. Nicht nur die Werkhallen, sondern auch die Werkgeschosse sind komplett flexibel gehalten, sodass bei Bedarf auch Werkstätten in den oberen Geschossen untergebracht werden können. Um das Areal autofrei halten zu können, befindet sich im Osten eine Anlieferungszone, über die die Werkhallen angedient werden können.


Als Bindeglied der beiden Werkhöfe fungiert das etwa 100 Jahre alte Bestandsgebäude im Herzen des Areals. Hier wird pavillonartig eine Cafeteria angebaut, die den Blick freigibt auf die unmittelbar anschließende Indeterrasse. Mit Blick auf die Inde bietet die Fläche einen großzügigen Frei- und Grünraum mit hoher Aufenthaltsqualität für die NutzerInnen und PassantInnen.
Als Innovationszentrum und Motor im Strukturwandel geht das Projekt auch baulich mit gutem Beispiel voran und strebt eine DGNB-Zertifizierung an. So soll unter Berücksichtigung der Prinzipien des Zirkulären Bauens mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Graue Energie weitergenutzt werden. Sowohl in Tragwerk als auch Fassade sollen Re-Use-Materialien verwendet und der Einsatz von Beton weitestgehend reduziert werden. So wurde etwa von Transsolar ein aufwendiges Haustechnikkonzept entwickelt, das auf low-tech ausgerichtet ist. Gemeinsam mit Concular wird außerdem untersucht, inwiefern für die Fassaden wiederverwendeten Materialien und Bauteile verwendet werden können. Auf den Dächern werden großflächig PV-Anlagen angebracht. Außerdem wird eine alternative Energieversorgung angestrebt, die sich unter anderem die Abwasserwärme des Kanals zunutze machen soll.
Projektinformation
Projektname: Innovations- und Gewerbezentrum Eschweiler
Ort: Eschweiler/DE
Projektart: Neubau & Bestandsumnutzung mit Erweiterung
Bauherr: Stadt Eschweiler, Amt für Wirtschaftsförderung, Liegenschaften und Tourismus/DE
Kooperation: A24 Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin / ZRS Ingenieure GmbH, Berlin / Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart / CAPE, Kirchheim am Neckar / ZWP Ingenieur-AG, Bochum / Rademacher + Partner Ingenieurberatung GmbH, Düsseldorf / Concular GmbH, Berlin
Projektteam: David Meurer, Jakob Findeisen, Prottoy Shams, Javier Naranjo Jiménez, Nouran Mansour
Bilder: asp Architekten

