
Eine Schule
wie eine Nachbarschaft
Das Gymnasium Waldstraße in Hattingen ist ein traditionsreicher Schulstandort mit rund 900 SchülerInnen und einem über Jahrzehnte gewachsenen Gebäudeensemble aus Altbau, Erweiterungsbau, Pavillon, Mensa und Sporthalle. Aufgrund des Sanierungsstaus einzelner Gebäude sowie der Umstellung von G8 auf G9 besteht ein erheblicher zusätzlicher Raumbedarf. Geplant sind daher ein angepasstes Raumprogramm im Bestandsgebäude und Neubau/Erweiterungsbau. Außerdem der Neubau einer modernen Sporthalle sowie eine Fassadensanierung des Bestandsgebäudes aus den 70er Jahren. Ziel ist die Entwicklung eines ganzheitlichen, nachhaltigen und denkmalgerechten Gesamtkonzeptes für den Schulstandort im laufenden Betrieb. Dabei bleibt die Frage nach Neubau, Aufstockung oder Erweiterung des Bestands offen.


Städtebau und architektonisches Konzept
Das Schulgelände liegt südöstlich der Hattinger Innenstadt und ist eng mit dem Stadtteil Hattingen verwoben. Diesen Ansatz greift der neue Schulkomplex auf und entwickelt ein Gesamtkonzept für die Erweiterung und den Neubau als Ergänzung zum bestehenden Schulensemble. Die einzelnen Gebäude mit eigener Identität und Funktionalität stehen frei auf dem Gelände, werden jedoch – ähnlich wie die Nachbarschaft – durch die Gestaltung der Zwischen- und Freiräume mit hoher Aufenthaltsqualität miteinander verbunden. Eingänge und außenliegende Erschließungsachsen der Gebäude orientieren sich zum Schulhof, der sich als „Quartiersplatz“ im Herzen der Anlage versteht – ein Ort des Zusammenkommens und der Begegnung innerhalb der Schule.

Die drei Baukörper – der neue Schulbau, die neue Sporthalle und der sanierte Anbau – sind als dreigeschossige Volumen dimensioniert und treten bewusst hinter den denkmalgeschützten Altbau zurück. Das neue Gefüge verbindet Alt- und Neubauten zu einem harmonischen Gesamtbild. Durch eine abgestimmte Höhenentwicklung und eine aufeinander bezogene Fassadengestaltung entsteht ein einheitliches architektonisches Erscheinungsbild des gesamten Schulkomplexes. Der neue Anbau ist über einen Zwischenbau in Form einer zurückspringenden Fuge sowie durch Freiräume mit den weiteren Gebäuden verknüpft. Dieser Bereich bildet den Haupteingang zum Schulhof und fungiert zugleich als Verteiler- und Kommunikationsachse zwischen den Baukörpern.

Innere Organisation
Das neue Schulgebäude mit insgesamt 18 Klassenräumen folgt einem zeitgemäßen pädagogischen Konzept, das offene Lernlandschaften und flexible Gruppenräume integriert. Das Raumprogramm sieht die Verlagerung von jeweils vier Klassenräumen aus dem Mensagebäude sowie dem Anbau in den Neubau vor. Die geforderten zwei Chemieräume sind im Anbau aus den 1970er Jahren untergebracht, sodass die naturwissenschaftlichen Fachräume – Chemie, Physik und Biologie – dort konzentriert sind. Diese klare funktionale Zuordnung unterstützt die Orientierung innerhalb des Schulensembles und stärkt die Identität der einzelnen Gebäude. Die neue Sporthalle ist am Standort der ehemaligen Halle positioniert und auf das Ensemble ausgerichtet. Sie fügt sich selbstverständlich in die zukünftige Gebäudestruktur ein, schafft eine städtebauliche Verbindung zum Quartier und gewährleistet zugleich die direkte Anbindung an das dahinterliegende Sportgelände.

Erschließung und Freiraumkonzept – Verbindendes Gründach
Das Freiraumkonzept stärkt die Aufenthaltsqualität durch entsiegelte Grünflächen, die aktive und ruhige Zonen miteinander verbinden. Baumgruppen gliedern das Gelände, verknüpfen Alt- und Neubauten und spenden Schatten für den offen gestalteten Schulhof als zentralen Begegnungsort. Von der belebten Aktivzone im Osten führt ein fließender Übergang zu den ruhigeren, naturnahen Bereichen im Westen mit Orten des Lernens, Gärtnerns und Entspannens. Zwei kleinere Höfe im Norden mit Baumbestand und sickerfähigem Belag schaffen ruhige Oasen zum Essen und Verweilen. Das Gründach fasst die Baukörper zu einem harmonischen Ensemble zusammen, verbessert das Mikroklima und wird durch Baumgruppen zu einem grünen Rahmen für den Schulhof ergänzt. Die Erschließung ist klar organisiert: Die Anlieferung der Mensa erfolgt über Parkflächen außerhalb des Schulhofs, externe Zugänge zu Sportplatz und Restaurant bleiben über separate Fuß- und Lieferwege erhalten.

Konstruktion und Nachhaltigkeit
Der Schulneubau ist als leichter Holzbau konzipiert, mit Stahlbeton für Gründung und Kerne sowie Holzskelett- und Rippenkonstruktionen in den Obergeschossen. Die modulare Bauweise ermöglicht eine schnelle Montage und hohe Präzision. Auch die neue Sporthalle wird als Holz-Hybridgebäude geplant: Beton in stark beanspruchten Bereichen, Holz in den weiteren Bauteilen. Das Dachtragwerk aus Fachwerken und Rippen- bzw. Hohlkastenelementen gewährleistet Materialeffizienz und Leichtigkeit. Durch die geringeren Lasten der Holzkonstruktion kann die Gründung besonders wirtschaftlich ausgeführt werden.



Energiekonzept
Eine hochgedämmte Gebäudehülle und eine effiziente Lüftung mit Wärmerückgewinnung minimieren den Energiebedarf. Die Wärmeversorgung erfolgt über eine Wasser-Wasser- oder Luft-Wasser-Wärmepumpe in Kombination mit Flächenheizsystemen. Passive Maßnahmen, wie außenliegender Sonnenschutz, Sonnenschutzverglasung und natürliche Lüftung, regulieren das Raumklima, während Geothermiesonden eine sanfte Kühlung ermöglichen. Begrünte Dächer verbessern das Mikroklima, speichern Regenwasser und entlasten die Kanalisation. Photovoltaikmodule erzeugen Strom und profitieren von der kühlenden Wirkung der Vegetation. Überschüssige Energie wird in Batteriespeichern gesammelt und für den Eigenverbrauch genutzt. So entsteht ein nachhaltiges, energieeffizientes Gesamtsystem, das ökologische Verantwortung und architektonische Haltung miteinander verbindet.
Projektinformation
Projektname: Erweiterung / Neubau am Schulstandort Gymnasium Waldstraße
Art: Wettbewerb 1. Preis
Ort: Hattingen
Bauherr: Stadt Hattingen
Jahr: 2025
Kooperation: A24 Landschaft, ZWP Ingenieur-AG, schlaich bergermann partner – sbp SE
Team: Ellen Henriques, Julien Jousse, Borbála Kata Kneip
Auszeichnung: 2027 Bildungsbau Award Nominierung
Visualisierung: moka studio / Modell + Bilder: MS Architekturmodelle

