Von Fragmenten zum vernetzten Lebensraum

Die ehemalige AVUS-Rennstrecke, die Messehallen mit dem ICC (International Congress Centre), der ehemalige Güterbahnhof und der S-Bahn-Ring  Berlins westlicher Stadteingang ist geprägt von Großstrukturen. Diese Stadtbausteine zerschneiden auch die Verkehrsbauwerke der Stadtautobahn, die am Westkreuz auf unterschiedlichen Ebenen die Verkehrsströme der Hauptstadt leiten. Die anstehende Sanierung dieses Verkehrsknotenpunkts war der Auslöser für den städtebaulichen Wettbewerb unter der Frage, wie aus einzelnen Fragmenten auf dem etwa 45 Hektar großen Planungsgebiet ein zusammenhängender Stadtraum entstehen kann.

Die fragmentierten Räume zwischen Grunewald, Bahnanlagen und dem Westkreuz verfügen über ein hohes ökologisches Potenzial: ein Eichenwald entlang der Stadtautobahn oder Mager- und Trockenrasen auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Der konzeptionellen Leitidee «Weg von Fragmenten, hin zu einem vernetzten Lebensraum» folgend, nutzt der Entwurf diese Landschaftsbänder als Verbindung der vier Quartiere «Leben im Eichenhain», «Urbane Heide», «Avus Aktiv» sowie «Gärten am Westkreuz». Sie bilden darüber hinaus die Grundlage für die Transformation der getrennten Stadträume zu einem zusammenhängenden Freiraumsystem, das sich in die übergeordneten Grünräume Berlins einfügt.
So werden die Freiräume zum tragenden Gerüst der Stadt, sind Bewegungsraum und sozialer Treffpunkt gleichermaßen wie klimatische Pufferzone mit geringem Versiegelungsgrad, Frischluftschneisen und Retentionsflächen nach dem Prinzip der Schwammstadt.

Die Transformation eines Stadtentwicklungsprojekte dieser Größe ist ein langfristiges Anliegen. Die vier Quartierinseln werden demnach unabhängig voneinander und in unterschiedlichen Phasen entwickelt. Die historischen Gebäude des Güterbahnhofs und der AVUS-Tribüne bleiben dabei sichtbare Zeugen, erhalten neue Rollen innerhalb des Quartiersgefüges und werden zu räumlichen Ankern. Ergänzt werden sie von neuen Hochpunkten sowie kulturellen und sozialen Stadtbausteinen und Bildungseinrichtungen, die gleichmäßig über das Areal verteilt sind. Kieze mit überschaubaren Nachbarschaften, eigenen Zentren, Treffpunkten und gemeinschaftlichen Angeboten entstehen und schaffen Orientierung sowie Zugehörigkeit, ohne sich vom Umfeld abzuschotten.

Kaum ein Ort in Berlin ist so stark von Verkehr geprägt wie der Stadteingang West. Daher ist das Potenzial Mobilität nachhaltig weiterzuentwickeln hier besonders hoch. Die Anbindung an die Berliner S-Bahn und den Regionalverkehr, die Bündelung des Individualverkehrs und neu geschaffene Mobilitätshubs ermöglichen autoarme Nachbarschaften, stärken den Umweltverbund und bilden so die Grundlage für lebendige Quartiere.

Gestützt wird dies durch ein feinmaschiges Netz für den Fuß- und Radverkehr, das sich auf die unterschiedlichen Bewegungsgeschwindigkeiten und Maßstäbe einlässt: vom übergeordneten Radschnellweg bis hin zu Quartiersstraßen sowie Plätzen des Aufenthalts und der Begegnung. Grünräume, Freiflächen und Bewegungsräume werden multicodiert belegt und schaffen soziale, ökologische und ökonomische Mehrwerte.

Die Erkenntnisse aus unserem Konzept für den Stadteingang West prägten unsere Arbeit nachhaltig. Wir haben Antworten auf die Frage entwickelt, welche Strategien notwendig sind, Stadt an Orten zu kreieren, deren ursprüngliche Funktion an Bedeutung verliert und deren Status Quo (noch) kein lebenswertes Wohn- und Arbeitsumfeld darstellt. Unsere Prämisse ist dabei nicht der radikale Neuanfang, sondern die Transformation des Vorhandenen: In der Weiterentwicklung bestehender Landschaften, Infrastrukturen und Bauwerke zu robusten Strukturen, die auch künftig Veränderungen aufnehmen, ohne ihre Identität zu verlieren.

Projektinformation

Name: Stadteingang West Berlin

Art: Kooperatives Werkstattverfahren

Ort: Berlin

Jahr: 2020

Kooperation: koeber Landschaftsarchitektur, StetePlanung I INOVAPLAN GmbH

Team: Jana Melber, Philipp Maué, Deborah Kunz, Jesús Martínez Zárate, Melanie Nogales, Hriday Bharaj, Ellen Henriques, Maximilian Stengele, Timo Wendschuh

Visualisierung: moka Studio