
Auf zu
neuen Ufern
Klinkerbauten, Werkhöfe und ein historischer Triebwerkskanal prägen die ehemalige Wendlerfabrik am Ufer der Echaz südlich der Reutlinger Altstadt. Die im 19. Jahrhundert von den Gebrüdern Wendler errichtete Textilfabrik mit einer Fläche von etwa zwei Hektar ist mit dem Fluss verbunden. Einst trieb das Wasser die Produktion an, heute die städtebauliche Transformation. Mit der Bundesgartenschau 2039 rückt die Renaturierung des Landschaftsraums entlang der Echaz als Antwort auf die Folgen des Klimawandels in den Fokus.

Die Wendlerfabrik ist Teil dieser Entwicklung. Als Verlängerung der Kultureinrichtungen entlang der Echaz, soll der introvertierte Stadtbaustein mit versiegelten Parkplätzen und kaum zugänglichen Grün- und Uferbereichen weiterentwickelt werden. Der maßstabsübergreifende Planungsprozess erfordert eine integrale Zusammenarbeit zwischen Städtebau, Architektur, Landschaftsarchitektur und Hydrologie.

Porös und elastisch, das sind die Eigenschaften eines Schwamms. Er speichert Wasser, und gibt es zeitversetzt ab. Das Prinzip der Schwammstadt bildet den Kern des Entwurfs. Ein Mobilitätshub an der Albstraße im Norden bündelt den ruhenden Verkehr und ermöglicht die Entsiegelung des bisherigen Parkplatzes. Dadurch entsteht ein weitgehend autoarmes Quartier und die Renaturierung der Aue mit Retentionsbereiche, und einer abgeflachten Uferböschung wird möglich. Der Fluss gewinnt Raum zurück und neue Aufenthaltsorte am Wasser entstehen.

Mit der landschaftlichen Transformation geht eine Neuordnung des Stadtraums einher. Der historische Triebwerkskanal wird entlang der städtischen Silhouette freigelegt und als urbaner Freiraum erlebbar gemacht. Die Verlängerung des Triebwerkkanals, Plätze und Nord-Süd-Achsen zwischen Albstraße und Deutscher Alleenstraße öffnen das bislang introvertierte Fabrikgelände und verknüpfen es mit seiner Umgebung. Gleichzeitig wird die Alleenstraße zugunsten des Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehrs umgestaltet. Die überregionale Fahrradroute und eine neue Fußgängerbrücke stärken die Anbindung an die Stadt, perspektivisch soll auch die Regionalstadtbahn dazu beitragen. Die Zonierung in Stadträume – vom Kanalufer über die Piazza zu Höfen und Gassen – schafft eigene Atmosphären und lädt zum Verweilen und Flanieren ein.




Weiterbauen statt Ersetzen, diese Haltung prägt den architektonischen Ansatz. Die Klinkerbauten bleiben erhalten und werden durch neue Baukörper ergänzt, die in Maßstab, Körnung und Formensprache auf ihren Kontext reagieren: Entlang der Alb- und Seestraße fügen sie sich in die Strukturen der Umgebung ein, im Inneren bildet das freistehende Echazhaus eine neue prägnante Mitte aus.
An der neuen Piazza gelegen und von allen Seiten adressierbar, bildet das Echazhaus das Herz des Quartiers. Seine Kubatur setzt einen bewussten Akzent im Areal. Mit einem vielfältigen Raumprogramm, aus Gastronomie, Veranstaltungs- und Gewerbeflächen entsteht ein vielfältiger Nutzungsmix, der das Quartier über den gesamten Tagesverlauf belebt.
Die Transformation der Wendlerfabrik versteht sich nicht als Neuerfindung, sondern als Weiterentwicklung. Aus einem isolierten Industriestandort entsteht ein lebendiges Stadtquartier, das die Echaz als öffentlichen Landschaftsraum zurückgewinnt und die Kulturachse Reutlingens fortschreibt.

Projektinformation
Name: Wendlerfabik Reutlingen
Art: Mehrstufiger Wettbewerb
Ort: Reutlingen
Jahr: 2025
Kooperation: Treibhaus Landschaftsarchitektur, StetePlanung, Geitz und Partner Landschaftsarchitektur und Hydrologie
Team: Hriday Bharaj, Alina Gold, Ellen Henriques, Philipp Maué, Inga-Lill Seitz
Visualisierung: moka Studio

